Du-Lac-Verlag

heimatverbunden geschichtsbewusst fantasievoll bildhaft

Rezensionen

Diese Texte stellen die persönlichen Meinungen der Autoren dar. 


Norman Spinnrad 

Der stählerne Traum

"Herr des Hakenkreuzes" ist der Titel des Buchs im Buch

Ein Science-Fiction-Roman

Titelbild: Rovena Morill

Verlag: Heyne


 JA! ICH GEBE ES ZU: Ich habe dieses Buch nur wegen des Titelbildes gekauft – Hitler in Ledermontur auf’m futuristischen Mopped mit’m wehenden Cape à la Supermann! Big Marketing per Titelbild, übrigens erschaffen von Rowena Morrill, einer großartigen Science-Fiction- und Fantastic-Illustratorin.

Der Griff ins Regal und das Zahlen an der Kasse war von dem Gedanken beherrscht: Was hat Hitler in der Zukunft verloren? Wir können doch („heil“)froh sein, dass er sich letztendlich, endlich und viel zu spät – leider haben ihn u. a. die Bomben von Georg Elser oder Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht erwischt –, umgebracht hat. Außerdem ist der Autor ein Amerikaner jüdischen Glaubens. Norman Spinnrad ist daher wohl erhaben über jegliche Art von Verherrlichung eines körperlich eher untergroßen Österreichers, aufgestiegen aus einfachen Verhältnissen, der bei einem Aussieben von Menschen nach seinen eigenen arischen Maßstäben glatt hindurchfallen würde.
Um den Roman zu verstehen, sollte man versuchen, einige Meilen in den Mokassins des Autors laufen, in Abwandlung eines indianisches Sprichworts. 
Spinrad konstruierte eine Szenerie, in welcher Adolf Hitler, von Misserfolgen enttäuscht, Ende 1919 nach Amerika auswanderte. Den Rest seines Lebens bis zu seinem „natürlichen Tod“ 1953 verbrachte er in New York und widmete sich als Schriftsteller, Illustrator und Herausgeber dem Genre der Science Fiction. Der Zweite Weltkrieg mit über 50 Millionen Toten und impliziert der Massenmord an über sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens fand folglich nicht statt, wenn man davon ausgeht, dass die geschichtliche Person Adolf Hitler ausschlaggebend war. 
Der letzte vom fiktiven USA-Hitler kurz vor seinem Tod verfasste Roman trägt den Titel „Herr des Hakenkreuzes“, für den er 1955 posthum mit dem Hugo Gernsback Award geehrt wurde. Wer die Bedeutung dieses Preises in unserer reellen Welt kennt, merkt nun, dass Norman Spinrad eine bissige Satire gegen rechtslastige Tendenzen in der SF-Szene geschrieben hat! Denn der Stil dieses fiktiven Romans ist eine sf-stilistische Fortschreibung von „Mein Kampf“, den er in dieser anderen Zeitebene ja nicht geschrieben haben konnte, weil er nicht ein durchaus angenehmes Zellendasein in Landsberg am Lech aufgrund des misslungenen Kapp-Putsches verbracht hatte. 
Hätte er tatsächlich „Herr des Hakenkreuzes“ geschrieben statt „Mein Kampf“ oder hätte(-hätte-hätte-Fahradkette-)Steinbrück die Kanzlerwahl gewonnen oder hätte „Schweini“ gegen Frankreich in der 44. Minute keine Reflexbewegung gemacht oder hätte Hitler die Aufnahmeprüfung der Kunstakademie in Wien bestanden oder hätte der Hugo damals auf’m Schulabschlussball im ausgehenden Neonscheinwerferlicht nicht die Katja mit der Gudrun verwechselt usw., dann wäre …
Da sind wir mittendrin im SF-Genre der „alternative history“, demzufolge Spinrad eines der frühen Werke ablieferte, allerdings ohne es zu beabsichtigen. Es ist durchaus reizvoll, zu spekulieren was wäre wenn damals … oder was geschieht wenn der deutsch-kaiserliche „Kleine Kreuzer Saarbrücken“ unversehens ins Römische Reich des Jahres 378 versetzt wird (Dirk van den Boom, Kaiserkrieger)?
Vorbei ist vorbei, das ist meine Meinung, das Spiel ist aus, das Spiel ist aus, gewonnen, verloren oder unentschieden. Deswegen hält sich meine Begeisterung für dieses Genre in Grenzen, weil „hätte, hätte, Fahradkette …“
Bei Spinrad hat der Ausflug ins Spekulative durchaus einen Sinn und darum zurück zur Absicht des Autoren: Er will die SF-Leser dahingehend sensibilisieren, nicht die gesamte Literatur kritiklos begeistert zu konsumieren, denn es gibt durchaus eine Bandbreite von überzeugten Autoren und Verlegern, die sich eine Zukunft im IV. Reich vorstellen und/oder wünschen, von der wir bitte schön verschont bleiben. Es gibt auch Zeitgenossen, für die das III. Reich immer noch existiert (Reichsbürger) und dies auch im SF-Genre kundtun ("Dagegen geschrieben" gibt es einige herrliche Satiren wie zum Beispiel "Neues aus Neuschwabenland" oder "Liebesgrüße aus Neuschwabenland" von Alex Jahnke, Marburg / Edition Roter Drache). 
Spinrads Botschaft lautet: Lesen Sie ruhig SF und Phantastik, denn dies sind wunderbare Genres der Literatur, aber achten Sie auf versteckte Botschaften, die wir uns schenken können, kaufen Sie diese Werke auch nicht und empfehlen nichts weiter.
Der Autor bedient sich der Technik vom Buch im Buch. Der Haupttitel „Der stählerne Traum“ ist praktisch nur der Einband sowie die nur zweiseitige Einführung zum Autoren, also dem fiktiven Hitler. Danach folgt schon dessen hypothetisches Werk „Der Herr des Hakenkreuzes“, geschrieben in einem Stil, der dem tatsächlichen Hitler wohl ohne weiteres zuzutrauen gewesen wäre. Die ganze Story ist dermaßen überkandidelt und bramarbasierend erzählt, das einem unbescholtenen Leser eigentlich schnell klar werden müsste, müsste?, dass es sich um ein Pamphlet übelster Art handelt. Nicht vergessen, Spinrad ahmt den Stil Hitlers nach, er selber würde niemals so schreiben. Und für diesen Schund den Hugo Gernsback Award? Er wird die damaligen Preis-Juroren wohl nicht allzu sehr geschätzt haben. Der zweite Absatz der Autoren-Einführung (Fiktiv-Hitler) strotzt nur so von Seitenhieben gegen die damalige US-SF-Szene. 
Übrigens: Das ebenfalls fiktive Nachwort von Homer Wipple sollte man sich dreimal durchlesen, denn man muss sich einer gewissen Faszination bewusst entziehen. 
„Der stählerne Traum“ ist ein wichtiges Werk, mir jedenfalls hat es auf längere Sicht „die Augen geöffnet“, aber zunächst war ich verwirrt, weil jung, und brauchte einige Zeit, um alles einordnen zu können. Daher sind Vorkenntnisse vor dem Lesen zu empfehlen.
Klaus Scheidt

 

Christopher Paolini

Eragon – Die Weisheit des Feuers

Ein Fantasy-Roman


Auch dieses Buch hat eine kleine Erwerbsgeschichte ... denn ich wollte es eigentlich gar nicht kaufen.Ich schlenderte durch die Buchabteilung des hiesigen Kaufhofs – um Buchabteilungen kann ich kaum einen Bogen schlagen – um mich einfach mal nur wieder an den vielen Titeln satt zu sehen. Auf einem Grabbeltisch lagen reduzierte Exemplare durcheinander und ich grabbelte sie noch ein wenig durcheinanderer. Dabei erblickte ich einen auf den Unterteil eines Buchblocks aufgedruckten Stempel: „Mängelexempla“ (ohne das abschließende „r“!) Als Fachmann – ich arbeite in der Druckbranche, denn vom Verlegen und Schreiben kann ich nicht leben – interessierte mich natürlich sofort die Beschaffenheit dieses Buchs. Jedoch konnte ich keinerlei Mängel an diesem Werk feststellen, der einzige Mangel war tatsächlich der fehlerhafte Stempel („r“ s. o. ;-)). Ein Buch zu kaufen, dass einwandfrei in der Verarbeitung war und nur wegen jenes angeblichen Mangels reduziert sein sollte, war der Anreiz für mich, es tatsächlich zu kaufen. Es ist sicherlich einige Jahre her, aber erst jetzt kam ich auf die Idee, dass es ein Trick gewesen sein könnte, um kaufunwillige Leser zum Kauf eines einwandfreien Buchs zu animieren. Sei‘s drum, weil der preiswerte Erwerb sich gelohnt hat, denn der Inhalt, der Text, hat sich ja durch den „Mängelexempla(r)-Stempel“ nicht in seiner Qualität reduziert. Eragon – die Weisheit des Feuers ist lesenswert. Trotzdem hatte ich im ersten Anlauf nach einigen Seiten das Buch wieder weggelegt und es erst zwei Jahre später wieder als nächste Einschlaflektüre herausgesucht – ich brauche einige Seiten Lesestoff, bevor ich das Licht ausmache. Wenn ich jedoch „Pech habe“, ist ein Stoff so gut, dass ich eben nicht danach gleich einschlafe …Obwohl ich mit dem dritten Band in diese Serie einstieg, stellte das „Weiterlesen“ ohne Kenntnis der ersten beiden Werke kein Problem dar. In einer kurzen Einführung wird die Handlung der ersten beiden Bände geschildert – ein lobenswerter Ansatz! (Ich las diesen Text nach der 847. Seite noch einmal und verstand dadurch die Zusammenhänge im Nachhinein noch besser.) 

Fasziniert bin ich von Christopher Paolini wegen dessen Alter: Dieses Buch schrieb er als Twen! Band eins sogar als Teenager: geschrieben mit 15, den Eltern gezeigt mit 17, groß rausgekommen damit 20. In dem Alter habe ich noch mit dem Schreiben gekämpft: Sollte ich einen Hausaufsatz mit mindestens 20 Zeilen schreiben, war das für mich eine Strafe – heute wäre es für mich eine Strafe, nur 20 Zeilen schreiben zu dürfen. Viele Autoren ahmen Tolkien nach oder sind von seinem Werk beeinflusst. Trotzdem kann etwas Eigenes entstehen wie bei dem nicht in der Schule sondern zu Hause unterrichteten US-Amerikaner Paolini: Der Reiter Eragon sowie sein Drache Saphira sind inmitten der zahllosen Fantasywelten unzähliger Autoren ein herausragendes Paar – wegen ihrer Einfühlsamkeit, vor allem jener des jungen Menschen. Ein krasser Gegensatz ist dazu die Geschichte Rorans, des Cousins von Eragon: Er wird zu einem zweihundert Gegner erschlagenden Haudrauf, fast einem Conan von Cimmeria gleich. Diese Passagen gefielen mir längst nicht so gut wie die Geschichten vom Heranreifen Eragons, der letztendlich ein … Brisingr! – mehr verrat ich nicht. Die Eragon-Bücher wurden millionenfach gelesen (und gekauft! Da schlägt freudig das Verlegerherz!) – kein Wunder. Empfehlung daher überflüssig.

Klaus Scheidt

Frank Schätzing
Limit  
Ein Science-Fiction-Roman

Dieses Buch habe ich mir vor zweieinhalb Jahren zum Geburtstag schenken lassen, passender Weise am 1.1. des Jahres.Ich zögerte einige Jahre lang, mit dem Lesen anzufangen, weil

1. ich vorab mehrere Rezensionen zu diesem Werk las. Diese „Besprechungen“ schwankten zwischen Begeisterung und Enttäuschung, im Gegensatz zu dem „Schwarm-Roman“ der einhellig gelobt wurde.

2. zwischendurch die zehn Bände von „Game of the Thrones“ gelesen werden mussten (= nächste Rezension von mir), die ich mir vom Bargeldregen des nächsten Geburtstags gekauft hatte. 

3. ein angefangenes Buch grundsätzlich von mir zu Ende gelesen wird. In 50 Lesejahren legte ich höchstens 10 Bücher mittendrin beiseite. (James Joyce, Ulysses: zu schwer zu lesen / Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals: zu verschwurbelt, Richard Dawkins, Der Gotteswahn, zu fundamental, gar nicht überzeugend, usw.). Fünf davon las ich irgendwann doch zu Ende. 

4. usw.

Erst als mir der Lesestoff ausging, fing ich an. Nun kann ich mir ein eigenes Bild von diesem Roman machen.Gleich vorweg: Ich mag „Wälzer“! ... wenn sie keinen „Durchhänger“ haben. Daher mag ich Schriftsteller, die einen Wälzer erschaffen ohne Durchhänger.Ich mag Frank Schätzing! ... als Schriftsteller von Wälzern ohne Durchhänger (das hänge ich mal vorsichtshalber an, um Missverständnissen vorzubeugen)! ;-)

Ich habe es gern ausführlich „beschrieben“ und schätze es sehr, wenn der Autor „für mich“ sorgfältig recherchiert hat. Ich mag es, beim Lesen viel über die Welt, die Menschen und über das ganze Drumherum dazu zu lernen. Unterhalten werden „ganz nebenbei“ einen besseren Durchblick zu erhalten, finde ich einfach gut.Darum ist „Limit“ kein reiner SF-Roman, sondern ein postgegenwärtiger Thriller, der morgen schon Wirklichkeit sein könnte. Vieles ist bereits gegenwärtig und die Rückblicke öffnen einem die Augen, was für schlimme Sachen geschehen sind und gerade geschehen, abseits von den Tagesnachrichten – Schätzing rührt den Schlamm, die „Kehrseite der Medaille Mensch“, kräftig auf. 

Leider kräht danach kein Hahn mehr. Mir wurde der Wälzer an keiner Stelle zu lang, denn die Spannung blieb bis zum Schluss, der Überraschung bei der Enttarnung. Die „Verfolgungspassagen“ sind dermaßen „virtuell-virtuos geschrieben“, dass ich keinen Film mehr dazu sehen muss – die spielten sich live vor meinem „inneren Auge“ ab. Der Text ist teilweise ein Actionfilm in Worten! Sollten diese Szenen verfilmt werden, ist kein Drehbuch mehr nötig, es geht eins zu eins. Das würde auf jeden Fall eine Herausforderung für Stuntfrauen und Actionmänner.

Einige Textbilder sind sehr gelungen, einige recht gezwungen und einige einfach krass übertrieben, zum Beispiel „Eine Galaxie explodierte in seinem Gehirn“.

Ganz zum Schluss lässt die Qualität des Textes nach, allerdings kaum wahrnehmbar, als ob der Autor es nun doch etwas eilig hatte, fertig zu werden. Und so ist wohl auch der Lapsus zustande gekommen, der mir sogleich auffiel: Schätzing vergrößert die Piazza San Marco in Venedig auf 1,5 Quadratkilometer – das wären 140 Fußballfelder. 1,5 Hektar wäre richtig ... also 1,4 Fußballfelder, ein Hundertstel. Schwamm drüber.

Gern gelesen!

Klaus Scheidt

 

 

Aktualisiert am:

13. April 2018

Kostenloser Download:

"K-östlich" – Ausgabe 2-2018 – April–Juni 


 

4001

Wobei Sie fahren das Erlebte und Erlernte / nicht in die Scheuern ein und nicht zur Mühle. / Sie zeigen ihre Felder statt der Ernte, / die noch am Halme wogenden Gefühle, / und sagen zu den Lesern stolz und fest: / "Das wär`s – nun freßt!" 

Erich Kästner

Zwei Gleichungen aus W. Kimball Kinnisons Mondmathematik: 

Mond + Meteorit schlägt ein = zunehmender Mond

Mond - Astronaut nimmt Mondgestein mit zur Erde = abnehmender Mond.