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12 Jul

Ein Fantasy-Epos entsteht - Teil 1

Miguel de Torres, Autor von vierzig Romanen, die er unter verschiedenen Pseudonymen verfasst hat, schreibt einen Fantasy-Roman, der nach Abschluss im Du-Lac-Verlag erscheinen wird. In seinem Blog lässt er uns teilhaben am Entstehungsprozess des Romans. In ein- bis zweiwöchentlichem Abstand schreibt er schonungslos und manchmal provozierend über Autorentypen und Zielgruppen, über die »Mythische Struktur« und die Erschaffung von Charakteren, über das »Malen mit Worten« und die tausend Entscheidungen, die ein Autor täglich treffen muss. Er schreibt ferner über Exposés, über erste Entwürfe und Überarbeitungen, über »plotting« und »line editing« und den Ärger mit unfähigen Lektorinnen, verständnislosen Verlegern und Knebelverträgen. Über das Urheberrecht, das den Verleger vor dem Autor schützt, anstatt umgekehrt. Und und und ...

1. Aller Anfang …

Lassen Sie mich mit einem Geständnis beginnen: Ich mag keine Zauberer, ich hasse Feen, und ich verabscheue Zwerge. Wenn Sie mich also unter der Voraussetzung, dass in dem entstehenden Fantasy-Roman weder Magier noch Feen noch Zwerge vorkommen, auf einer abenteuerlichen Reise ins Ungewisse begleiten wollen, sind Sie herzlich willkommen. Ich verspreche ferner, dass uns auf dieser Reise weder Vampire noch Zombies begegnen werden, nicht einmal ein klitzekleines Werwölfchen. Nur Menschen. Nicht unbedingt Menschen wie Sie und ich, denn die sind – mit Verlaub – in einem Roman ziemlich langweilig. (Zumindest in Bezug auf mich selbst kann ich das mit Fug und Recht behaupten.) Nein, es werden Menschen sein, die aus der Masse herausstechen, entweder durch ihre Fähigkeiten (geistiger oder körperlicher Natur), durch ihre Geschichte oder durch die Rolle, in die sie vom Schicksal gedrängt werden, weil sie sich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort aufhalten – oder zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, wie herum auch immer man es sehen will. Menschen, die in jedem Fall wissen, was sie wollen, denn der Großteil des Leserpublikums interessiert sich nicht für »gebrochene Helden« und ihre inneren K(r)ämpfe.

Eine Reise ins Ungewisse wird es deshalb, weil ich zu dem Zeitpunkt, da ich dies schreibe, zwar eine konkrete Vorstellung vom Anfang sowie eine ungefähre Vorstellung vom Ende der Geschichte habe, der Weg dazwischen jedoch noch im Nebel liegt. Außerdem habe ich eine Handvoll interessanter Protagonisten, die die Handlung vorantreiben. Einige von ihnen werde ich im Lauf der nächsten Wochen hier im Blog vorstellen.

Sehr wenige Romane werden komplett durchgeplant, bevor der Autor mit dem Schreiben beginnt. In der Tat gibt es zwei grundsätzliche Herangehensweisen, entsprechend der unterschiedlichen Autorencharaktere. In ihren Extremen sind das der »Planer« und der »Chaot« (oder der »Intuitive«, das klingt viel besser, bedeutet aber das Gleiche). Der Planer beginnt einen Roman niemals ohne einen zumindest groben Entwurf, der Personen- und Charakterbeschreibungen ebenso umfasst wie den Handlungsablauf, im Idealfall bis zum Finale. Dem Intuitiven ist so etwas ein Graus; er braucht seine künstlerische Freiheit, er will sehen, wohin sich die Charaktere entwickeln, er will selbst überrascht werden. (Natürlich ist nicht alles schwarz oder weiß; zwischen den genannten Extremen gibt es beliebig viele Schattierungen.)

Ich selbst gehöre eindeutig zu den »Planern«, denn nur das Genie beherrscht das Chaos wirklich, und zu dieser sehr kleinen Personengruppe zähle ich mich nicht. Allzu oft enden Romane, die in einer Nacht geboren und begonnen wurden, im Desaster: angefangene, aber nicht abgeschlossene Handlungsfäden; Charaktere, die aus dem Nichts auftauchen und wieder darin verschwinden; unausgegorene Ideen und verpasste Chancen. Dagegen spart eine detaillierte Planung viel Zeit, so unglaublich dies vielleicht für den einen oder anderen klingen mag. Es ist tatsächlich wie auf einer Reise. Wenn ich, sagen wir mal, mit dem Auto von Neapel nach Spitzbergen fahre, habe ich im Prinzip zwei Möglichkeiten. Erstens: Ich informiere mich vor Fahrtantritt über die schnellste bzw. (in meinem Sinn) »beste« Route, und benutze dann diesen Weg. Auch wenn es ein Weilchen dauert, ihn herauszusuchen, komme ich doch letztlich viel schneller an. Zweite Möglichkeit: Ich fahre einfach los, irgendwohin werde ich schon kommen, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen, spätestens irgendwann … Da der Beruf des Autors aber einer der am schlechtesten bezahlten in dieser absolut nicht besten aller möglichen Welten ist, kann er sich die zweite Methode nur dann leisten, wenn er entweder Bestsellerautor ist oder sich eben nicht durch das Schreiben finanziert. Wer vom Schreiben leben muss, hat nicht die Zeit für Irrungen und Wirrungen. Er braucht ein Konzept, das »Hand und Fuß« hat (und alles, was dazwischen noch von Bedeutung ist), und dieses Konzept setzt er dann zügig um.

Und genau das ist es, was ich in den nächsten Wochen und Monaten tun werde, in Ihrem Beisein (hoffe ich): ein Konzept für einen Fantasy-Roman zu erstellen und dieses dann umzusetzen. Nebenher erfährt der interessierte Leser einiges über das Schreiben von Romanen und Exposés, über Planung und Aufbau von Akten und Szenen, über die alltägliche Qual der Wahl und nicht zuletzt über den unvermeidbaren Ärger mit Verlegern und Lektoren und wie er (vielleicht) minimiert werden kann. Den wichtigsten Tipp für den angehenden Autor gebe ich gleich jetzt: durchhalten und auch die vielen Phasen schwärzester Verzweiflung überstehen! Am ersten Tag nach der Beendigung eines Romans mit dem nächsten beginnen, mit dem Vorsatz, dass dieser viel besser werde als der vorangehende! Denn von jenen Autoren (oder Sängern oder Schauspielern usw.), die scheinbar »aus dem Nichts« im Rampenlicht auftauchen, haben sich mindestens neunzig Prozent vorher jahrzehntelang in der Anonymität abgequält. Das Einzige, was sie in dieser Zeit aufrechterhalten hat, war die Hoffnung auf den »Durchbruch«. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Durchbruch erfolgt, ist umso höher, je länger man durchhält. (Und je mehr man dabei lernt. Das ist unabdingbar: der Wille zu lernen.) Wenn man aufgibt, war alles vergebens. (Aber natürlich gibt es keine Gewähr, dass der Durchbruch tatsächlich einmal kommt.)

Allerdings werde ich in diesem Blog nicht die komplette Handlung des entstehenden Romans darlegen; schließlich sollen noch genug Fragen offen bleiben, dass der eine oder andere Leser (lieber mehr als weniger) sich entschließt, den Roman zu kaufen. Wie war das doch gleich? Sagt der eine: »Nicht für Geld, sondern für Ehre kämpfe ich!« Antwortet der andere: »Jeder kämpft eben für das, was er nicht besitzt.« Ehre bringt keinen Bissen Brot auf den Tisch, ganz zu schweigen von der Butter drauf oder gar dem Wiener Schnitzel nebst dem obligatorischen Weißbier.

Ich möchte diesen ersten Blogeintrag keinesfalls schließen, ohne mich beim Du-Lac-Verlag und namentlich Klaus-Peter Hünnerscheidt zu bedanken für die doppelte Chance, die er mir bietet: Zum einen, dass er zugesagt hat, einen Roman zu verlegen, von dem er noch nicht einmal den Titel kennt (ich übrigens auch nicht, nebenbei bemerkt). Und zum anderen für die Möglichkeit, ein größeres Publikum am manchmal ekstatischen, meist aber qualvollen Entstehungsprozess eines Romans teilhaben zu lassen. Viele Menschen – unter ihnen sogar manische Leseratten – scheinen nämlich eine völlig falsche Vorstellung vom Dasein eines Autors zu haben: Er steht gegen Mittag auf, dreht ein paar Runden in seinem gigantischen Swimmingpool (ehemaliger Genfer See) und legt sich dann in die Sonne, darauf wartend, dass ihn die Muße küsst. Wenn das geschieht – vielleicht einmal pro Jahr –, springt er auf, setzt sich an den Computer und lässt die Tasten rattern, bis nach ein paar Wochen der neue Bestseller fertig ist. Dann wartet er ein weiteres Jahr ... (Großer Seufzer: Schön wär’s!)

So viel für heute. Beim nächsten Mal sprechen wir über die »fantastische« Welt, in der sich die Romanhandlung abspielen wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Sie dann wieder begrüßen könnte, und vielleicht auch den ein oder anderen neuen Leser.

Bis dann also!

Miguel de Torres

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