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25 Jul

Ein Fantasy-Epos entsteht - Teil 2

2. Die Romanwelt

Sprechen wir vor allem anderen mal über die Zielgruppe. Ein Roman ist, nicht anders als Seife oder Klopapier, ein kommerzielles Produkt, das sich am Markt behaupten muss; viele Autoren scheinen dies nicht wahrhaben zu wollen. Und als solches braucht er eine Zielgruppe. In der Tat fragen viele Verlage nicht nur nach dem Exposé und einer Leseprobe, sondern auch nach der Zielgruppe, so dass man folgende Gleichung oder besser Ungleichung aufstellen kann:

keine Zielgruppe = kein Verlag = Hungertod

Die ideale Zielgruppe eines Buches ist die Gesamtmenge aller derzeit und in Zukunft lebenden Menschen, vermindert um die Gruppe der Analphabeten. (Die sind dann die Zielgruppe für das Hörbuch und natürlich die DVD mit der Hollywood-Verfilmung, aus der selbstredend alles, was irgendjemandem aufstoßen könnte, herausgewaschen wurde, bis nur der banalste aller Handlungsfäden übrig bleibt.)

Leider hat seit den Autoren der Bibel es niemand mehr geschafft, diese ideale Zielgruppe anzusprechen. (In der Tat sprachen diese sogar die Analphabeten an – vor allem die Analphabeten. Und das meine ich nicht nur sarkastisch: Vor allem das Alte Testament bietet gewaltige, einprägsame Bilder, an denen sich jeder Autor ein Beispiel nehmen kann.) Wir müssen uns also notgedrungen mit einer Untermenge der idealen Zielgruppe zufriedengeben: den Fantasy-Lesern natürlich, da wir ja einen Fantasy-Roman schreiben wollen, männlich und weiblich, Jung und Alt. Aber nicht nur diese, sondern im Prinzip alle, die gutes und spannendes Abenteuer schätzen, gleichgültig, ob es in einer Fantasiewelt, auf fernen Planeten oder in der Geschichte der Menschheit angesiedelt ist. Und abenteuerlich und spannend wird es, das kann ich versprechen. – Aber natürlich genügt es nicht, eine Zielgruppe nur zu deklarieren, man muss sie auch bedienen. Dazu später mehr.

Doch wir wollten heute ja über jene Welt sprechen, in der die Handlung des Romans stattfinden wird. Fantasy spielt sich in der Regel in urtümlicher, atemberaubender Landschaft ab, und die darin porträtierte Gesellschaft ist archaisch und oft analphabetisch, was offensichtlich einen Großteil des Reizes für die meisten Leser ausmacht: Die Handlung spielt in einer imaginären Zeit, als das Leben noch einfach und Männer noch Männer waren (und Frauen noch Frauen, das sollte auch mal gesagt werden). Imaginär ist diese Zeit deshalb, weil das Leben niemals einfach und unkompliziert war, seit die Affen von den Bäumen heruntergeklettert sind und einer den anderen gezeigt hat, wo’s langgeht. Fantasy – oder Abenteuer im Allgemeinen, und das schließt SF mit ein – ist modernes Märchen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Im besten Fall mit einer Moral und einer »Resonanz«: im Gedächtnis bleibenden Erkenntnissen über das Leben an sich, wie sie letztlich eben nicht wahre Geschichten, sondern nur Romane vermitteln können. Romane die »größer als das Leben« sind und deshalb, aus einer weiter gefassten Perspektive, einen neuen Blick auf dieses Leben erlauben. Ich werde versuchen, auch dies zu erreichen. Ob mir das gelungen ist, müssen Sie entscheiden, wenn Sie das Endprodukt lesen.

So, genug der Ab- und Ausschweifungen … Als gebürtigem, wenn auch ausgewanderten Bayern ist mir eine Welt ohne Berge unvorstellbar, weshalb es in der Romanwelt natürlich Berge geben wird. Außerdem liebe ich die Wüste; meiner Ansicht nach gibt es kaum eine archaischere Landschaft als die endlose Sand- und Steinwüste. Flüsse sind ebenfalls unabdingbar, als Existenzgrundlage für die Menschen ebenso wie als natürliche Transportwege. Damit haben wir bereits die drei Hauptelemente der Landschaft des Romans: zerklüftete Berge, sengende Wüste, reißende Flüsse in tief eingeschnittenen Tälern … Da die Berge in dieser Welt hauptsächlich aus Kalkstein bestehen, gibt es bizarre Formationen sowie Höhlen, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen werden. Mich persönlich haben Höhlengeschichten immer fasziniert, und ich weiß, dass ich damit nicht alleinstehe. Vielleicht ist das eine der Ursehnsüchte der Menschheit: die Rückkehr in die Geborgenheit des Mutterleibs. Aber Höhlen geben nicht nur Geborgenheit; man denke an den Grusel-Klassiker der Kindheit: Tom Sawyers und Beckys Flucht durch das Höhlensystem, verfolgt von Indianer-Joe ...

Die Gesellschaft ist eine weitgehend ländliche – Bauern und Viehzüchter –, und es gibt nur wenige Städte, darunter natürlich so etwas wie eine Hauptstadt. Allerdings ist die Gesellschaft zu Beginn des Romans im Umbruch begriffen, denn es herrscht Krieg. Wie allzu oft in der Geschichte der Menschheit (und auch heute noch) treibt die Gier Einzelner Hunderttausende in den Tod und Millionen in die Armut. Doch die Masse folgt ihren Führern, nicht notwendigerweise begeistert, aber sie folgt, aller Vernunft zum Trotz. Dies wird eines der dem Roman zugrundeliegenden Themen sein. (Darüber spreche ich im übernächsten Blogeintrag.)

Details der Landschaft stehen im Moment noch nicht fest, die ergeben sich erst bei der Planung der Handlung. Wenn es so weit ist, werde ich natürlich einige Karten zeichnen, unabdingbar für den Autor, um den Überblick zu behalten und sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. Teilweise werde ich sie auch in diesem Blog veröffentlichen, aber erwarten Sie bitte keine kartographischen oder gar zeichnerischen Meisterwerke von mir. Beschriftete Skizzen reichen völlig aus.

So, nachdem wir eine ungefährliche Ahnung von der Geografie haben, in der sich der Roman abspielt, können wir eigentlich mit der Planung der Handlung beginnen. Hier gibt es prinzipiell zwei Herangehensweisen:

a) Handlungsgetrieben (»plot driven«)

Vereinfacht ausgedrückt: Man hat eine Grundidee, und die Handlung entwickelt sich aus derselben. (Beispiel: Über einer Stadt entsteht plötzlich ein Energieschirm, nichts geht mehr rein oder raus, Luft eingeschlossen ...) Die Charaktere werden dann so geschaffen, dass sie in diese Handlung passen. (Dies ist bei kommerziellen Romanen fast immer der Fall.)

b) Charaktergetrieben (»character driven«)

Am Anfang steht die Hauptperson mit ihren Charaktereigenschaften; die Handlung (ggf. ausgelöst durch einen – oft winzigen – äußeren Anstoß) ergibt sich dann aus diesem Charakter. (Hier sprechen wir von sog. »literarischen« Romanen, die jeder Gymnasiast aus endlosen Jahren quälenden Deutschunterrichts kennt.)

(Zwischenbemerkung: Wenn ich hier immer wieder mal englische Ausdrücke einstreue, dann deshalb, weil das meiste, was ich im Laufe des letzten Jahrzehnts über das Schreiben gelernt habe, aus englischsprachigen Büchern stammt. Über deutschsprachige Bücher zu diesem Thema weiß ich leider nichts Gutes zu sagen.)

Wie meist ist dabei nicht alles schwarz oder weiß, sondern irgendwo dazwischen. Wenn ich einen Roman habe, der nur aus Handlung oder besser gesagt »action« besteht, ist dieser oft bevölkert von dämlichen Menschen, die dämliche Dinge tun. Lese ich beispielsweise einen Roman von James Rollins, habe ich frühestens nach der Hälfte der 500 Seiten Zeit dazu, mir die Frage zu stellen: Mein Gott, warum liest du so einen Müll? Antwort: Weil er spannend ist. Und manchmal (aber nur manchmal) lese ich trotzdem weiter.

Das andere Extrem sind die »literarischen« Romane. (Ich setze »literarisch« grundsätzlich in Anführungszeichen, weil ich diese künstliche Trennung, die es so z. B. in den USA nicht gibt, nicht anerkenne. Hat ja wohl einen Grund, warum die meisten Bestseller aus den USA und nicht aus Deutschland kommen, von der Marktmacht der US-Verlage mal abgesehen.) Sie haben oftmals keinerlei äußere Handlung. Tja, wem so was gefällt ... der ist in jedem Fall in der Minderzahl. Und wer Bücher verkaufen will, sollte von solchen Ideen schnell Abstand nehmen.

Die beste Lösung ist wieder einmal der Mittelweg: »Starke Charaktere« sind in der Regel nicht das Salz, sondern die Essenz einer Geschichte, das ist nicht wegzuleugnen. Wenn diese aber nur mit sich selbst beschäftigt sind, vielleicht gar wehleidig, verliert der Leser schnell das Interesse, setzt eine miese Kritik bei Amazon rein, und das ist dann das Ende aller Hoffnungen, die man in vielen Monaten harter Arbeit an dem Roman aufgebaut hat. (Jeder Affe mit Tastatur darf das ja heutzutage, auch wenn er pro Satz fünf Rechtschreib- und Grammatikfehler macht und weder »Sie« und »sie« noch »das« und »dass« auseinanderhalten kann.) Schlussfolgerung: Die (äußere) Handlung muss spannend sein, das ist wichtig, aber nicht minder wichtig sind starke, unvergessliche Charaktere mit einem interessanten Hintergrund, die nicht nur ein Ziel haben, sondern auch wissen, wie dieses zu erreichen ist. (Oft wird dieses Ziel erst im Laufe der Handlung definiert, das ist okay.) Wobei die »physische Ausstattung« des Helden im Roman viel weniger wichtig ist als im Film. Aber da greife ich bereits vor.

Eigentlich sollten wir nun die wichtigsten Hauptfiguren planen, doch will ich im nächsten Blogeintrag aus verschiedenen Gründen erst einmal über die »Mythische Struktur« sprechen, oder wie man in null Komma nichts einen funktionierenden Handlungsrahmen schafft.

Bis dann!

Miguel

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