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23 Aug

Ein Fantasy-Epos entsteht - Teil 4

4. Das Thema des Romans (theme)

Ich befinde mich mit diesem Blog in einem nicht geringen Zwiespalt: Einerseits heißt der Blog »Ein Fantasy-Epos entsteht« und sollte seinem Namen Ehre machen, d. h. den Leser an der Entstehung eines Romans mit einem Umfang von ca. 500 Seiten teilhaben lassen. Andererseits: Wenn ich hier das komplette Handlungsgerüst veröffentliche, werden möglicherweise viele Leser davon absehen, den Roman zu kaufen, weil sie ihn dann ja schon gelesen zu haben glauben – was so nicht stimmt, denn es besteht grundsätzlich ein Riesenunterschied zwischen einem Exposé und dem daraus entstehenden Roman.

Ich habe lange überlegt, wie dieser Zwiespalt aufzulösen ist, und bin zu folgendem Entschluss gekommen: Ich werde einige der etwa zehn Hauptpersonen hier vorstellen, zusammen mit dem Haupt-Handlungsfaden, der sich um das eigentliche Thema des Romans dreht (über das wir gleich sprechen werden). Neben diesem Haupt-Handlungsfaden gibt es noch mehrere größere und einige kleinere Nebenhandlungsfäden, die miteinander verwoben sind und die ich in diesem Blog allenfalls andeute. Denn ein einziger Handlungsfaden – eine einzige Grundidee – reicht höchstens für einen Heftroman. Bereits bei einem Roman mit ca. 250 Seiten Umfang (wie es beispielsweise die Vampir-Gothic-Bände 12 bis 17 waren, die ich vor einigen Jahren zusammen mit Michael Breuer geschrieben habe) ist ein einziger Handlungsfaden zu wenig, typisch sind zwei oder drei. Wenn wir dagegen von einem wirklich dicken Taschenbuch sprechen (500 Seiten aufwärts), dann reicht auch das nicht mehr. Je größer der Umfang, desto mehr Handlung, desto mehr Handlungsfäden. Wenn man sich an diesen Grundsatz nicht hält, passiert das, was ich im letzten Blogeintrag angesprochen habe: das »Durchhängen« in der Mitte. Oft irrt der Held dann mehr planlos als zielstrebig von einer Herausforderung zur nächsten, um die beauftragten Seiten zu füllen.

Das ist nicht das, was mir vorschwebt. Ich will einen stringenten Haupthandlungsbogen, in den sich die kleineren Handlungsbögen nahtlos einpassen. Und diesen Haupthandlungsbogen, der das Thema des Romans abbildet, will ich in diesem und den folgenden Blogeinträgen entwickeln. (Wie schon im ersten Blogeintrag gesagt: Ich bin ein »Planer«. Bevor ich mit der Niederschrift der ersten Seite beginne, will ich wissen, wohin die Reise geht, das spart Zeit und Nerven und führt meiner Überzeugung nach zu besseren Ergebnissen.)

Zunächst Allgemeines zum Thema eines Romans. Das ursprünglich griechische Wort Thema (engl. theme) hat im Deutschen mehrere Bedeutungen, darunter »Leitgedanke« oder »Leitmotiv«. Und genau darum geht es hier. Jeder gute Roman sollte einen Leitgedanken haben, der dem Leser allerdings nicht »mit der Dampframme« eingebläut werden sollte. Am effektivsten wird ein Thema behandelt, wenn es unterschwellig bleibt, also vom Leser nicht bewusst wahrgenommen wird, jedoch nach Beendigung der Lektüre gewissermaßen nachschwingt. Man kann auch sagen, im Leser werde eine Resonanz erzeugt. Diese Resonanz manifestiert sich als bleibender Eindruck, den der Leser sozusagen »mit nach Hause nimmt«, auch wenn er sich, wie gesagt, dessen nicht bewusst sein mag. Sie trägt oft dazu bei, dass er sich das nächste Buch des gleichen Autors ebenfalls kauft, weil er sich an die Lektüre des vorangehenden erinnert. (Mal ernsthaft: An wie viele der Bücher, die Sie im letzten Jahr gelesen haben, erinnern Sie sich noch?) Und vielleicht beeinflusst die Lektüre des Romans letztlich sogar die Geisteshaltung des Lesers.

Ein Thema könnte beispielsweise sein: »Man muss sich selbst besiegen, bevor man andere besiegen kann.« Oder: »Glaube und Liebe sind die höchsten menschlichen Werte.« Oder ein uraltes Sprichwort wie: »Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Oft fließt das Thema gar nicht bewusst in den Roman ein, weil es den Autor nur »unterbewusst« beschäftigt und er sich dieses Motors, der ihn antreibt, nicht gewahr ist. In anderen Fällen kristallisiert sich das Thema erst bei der Überarbeitung des fertigen Roman heraus. Es gibt, wie stets, viele Möglichkeiten.

Da ich jedoch ein Planer bin – siehe oben –, lege ich das Thema zu Beginn fest. Es ist etwas, das mich schon lange beschäftigt: Warum folgen Menschen ihren Führern (ob nun selbst ernannt oder demokratisch gewählt) bis in den Untergang? Warum gehorchen zig Millionen Menschen völlig unsinnigen und dem Selbsterhaltungstrieb zuwiderlaufenden Befehlen einiger weniger? Warum lassen sie sich von deren (zahlenmäßig weit unterlegenen) Bütteln unterdrücken und sich gegeneinander ausspielen? Und warum verschließen sie bewusst die Augen vor den Gräueltaten dieser Massenmörder? (Und ich spreche nicht nur von der Vergangenheit. Jetzt, in diesem Augenblick, passiert so etwas auf allen Erdteilen.)

Ich bilde mir nicht ein, die Antwort auf diese Frage finden zu können. Aber es gibt eine Frage, die eng damit verknüpft ist: Muss das so sein? Und auf diese Frage gibt es eine klare Antwort, aber Mahatma Gandhi war einer der wenigen, die sie nicht nur gefunden haben, sondern auch über den Mut und das nötige Charisma verfügten, sie in der Öffentlichkeit zu verkünden: Nein, das muss nicht so sein. Denn wer ist es denn, der den Mächtigen ihre Macht verleiht? Sie selbst, durch ihren Intellekt oder ihre Taten? Oder wurde ihnen die Macht gar „von Gott gegeben“? Nein, die Menschen sind es, Sie und ich, die den Mächtigen ihren Macht verleihen, und zwar durch ihre (offene oder stillschweigende) Anerkennung dieser Macht und ihre freiwillige Unterwerfung unter diese. Wenn sie sich geschlossen gegen die Machthaber wenden würden, hätten diese keine Chance. Um einen alten Spruch abzuwandeln: Nicht nur in der Demokratie wählen sich die Kälber ihre Schlächter selber, sondern tatsächlich in jeder Staatsform.

Da man das Thema eines Romans in einem Satz zusammenfassen können sollte, formulieren wir es nun folgendermaßen: »Jedes Volk ist für seine Regierung letztlich selbst verantwortlich, zum Guten oder zum Schlechten.«

Wie setze ich dieses Thema nun in einen Roman mit abenteuerlicher Handlung um, ohne, wie gesagt, »mit der Dampframme« daherzukommen und den Leser bereits auf den ersten Seiten zu vergraulen: »Igittigitt, ein Roman mit Botschaft! Ein Kotzburger! Weg damit, ich will mich schließlich unterhalten!«

Nun, im Prinzip ist das ganz einfach: Ich erschaffe einen Helden (im nächsten Blogeintrag), der zu Beginn des Romans an die herrschende Ordnung glaubt, weil er nichts anderes kennt und sich auch nie Gedanken darüber gemacht hat. Im Verlauf der Handlung sieht er jedoch immer mehr Dinge, die ihm missfallen. Ein Mentor (Mythische Struktur) leitet seine Gedanken in die richtige Richtung, und zum Schluss ist es unser Held, der den Anstoß dazu gibt, den Herrscher zu stürzen. (Wohlgemerkt: Er stürzt den Herrscher nicht allein.)

Das klingt in dieser konzentrierten Form viel pathetischer, als es sein wird. Ich garantiere: Würden Sie den vollendeten Roman ohne Kenntnis dieser Überlegungen lesen, so würden Sie kaum etwas von der dahinterstehenden »Botschaft« bemerken. Aber wenn ich meine Aufgabe als Autor zufriedenstellend löse, würden Sie nach der Lektüre dem Thema »Die Macht des Volkes« vielleicht einige Gedanken widmen.

Wie schafft man es, diese Botschaft gut genug zu verstecken? Nun, im Prinzip lässt sich der oben angerissene Handlungsverlauf in einige wenige »Knotenpunkte« fassen: Der Held fühlt sich wohl in seiner Welt (Ausgangszustand) / Der Held wird beunruhigt / Der Held erträgt die herrschende Ungerechtigkeit nicht mehr / Der entscheide Anstoß, der Held wird zum Handeln gezwungen / Die Welt des Helden hat sich geändert (Endzustand). Jeder dieser Punkte ergibt im Roman eine einzige Szene – von vielleicht hundert oder mehr. Das sind gewissermaßen die Knochen, an denen das Fleisch (das Abenteuer) hängt. Doch wenn man erst einmal das Fleisch hinzugefügt hat, ist von den Knochen nichts mehr zu sehen, dennoch halten sie das Ganze zusammen.

Über diese »Knotenpunkte« – wie man sie definiert, wie man sie in die Handlung einbaut – sprechen wir in Kürze. Beim nächsten Mal jedoch geht es zunächst um »Helden, Bösewichte und Identifikationspersonen«. Bis dann!

Miguel

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