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19 Sep

Ein Fantasy-Epos entsteht - Teil 6

6. Helden, Bösewichte und Identifikationspersonen (Teil 2)

Stellen wir uns mal ganz grundsätzlich die Frage: Was für Leute bzw. Rollen (engl. character) sollten in einer Geschichte auftreten, die mehr als, sagen wir, 100 Seiten umfasst?

Zunächst natürlich der Protagonist, volkstümlich (und von mir auch fürderhin) »Held« genannt. (Klar, das Wort Protagonist ist neutraler, aber da wir es in Fantasy durchaus mit »echten Helden« zu tun haben, bleibe ich bei diesem Wort.) Im letzten Blogeintrag hatte ich beschlossen, sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Helden einzuführen, und dies auch begründet.

Zweitens der Antagonist oder Gegenspieler, Bösewicht, wie auch immer Sie ihn nennen wollen. Dieser ist ebenso wichtig wie der Held und sollte mit der gleichen Sorgfalt gezeichnet werden. Ohne Gegenspieler gibt es keinen Konflikt, und ohne Konflikt keinen Roman, so einfach ist das. Wobei die Palette breit gefasst ist: Der Gegenspieler kann ein feindlicher König sein, ein aufgrund eines peinlichen Versehens beschworener Höllendämon, die böse Stiefmutter oder sogar ein Auto, alles schon dagewesen. Und natürlich kann der Gegenspieler auch die Natur sein, gegen die der Held sich behaupten muss.

Damit kann man den Rest des Personals in drei Gruppen aufteilen: Jene, die auf der Seite des Helden stehen (mehr oder weniger); jene, die auf der Seite des Gegenspielers stehen (mehr oder weniger); und schließlich die Indifferenten, die aber jederzeit auf die eine oder andere Seite »umkippen« können, abhängig von ihrem Charakter und den äußeren Umständen.

Einen aus der ersten Gruppe (auf der Seite des Helden) haben wir schon im dritten Blogeintrag erwähnt, als wir die sog. Mythische Struktur besprachen: den Mentor des Helden. Da ich mich zumindest grob an die Mythische Struktur halten werde, wird es in meinem Fantasy-Roman also einen Mentor geben, der dem Held zur Seite steht bzw. ihn beeinflusst (in seinem Sinn). Auch dieser ist einer der wichtigsten Handlungsträger. Oft agiert er nur im Hintergrund, nimmt dabei jedoch entscheiden Einfluss auf die Handlungen (und die Geisteshaltung) des Helden.

Auf der Seite des Helden steht ferner meist ein Sidekick, zu deutsch Kumpel. Auf den Sidekick kann sich der Held felsenfest verlassen, er geht mit ihm durch dick und dünn und lässt sich notfalls für ihn vierteilen. Außerdem fällt dem Sidekick oft die Rolle des Spaßvogels zu, der nach Szenen atemloser Spannung im wahrsten Sinne des Wortes für Entspannung sorgt. (Und das ist durchaus nötig. Wenn man ohne Atempause von Höhepunkt zu Höhepunkt jagt, so ist das beinahe ebenso schlecht, wie wenn man zu knauserig mit den Höheunkten umgeht.) Seine einzige Überlebenschance ist letztlich, dass der Autor ihn so sympathisch zeichnet, dass er es sich nicht leisten kann, ihn umzubringen, ohne sich den Zorn der Leser zuzuziehen.

Auch der Antagonist hat in der Regel mindestens einen bedeutenden Helfer, manchmal Contagonist genannt. (Der Begriff stammt aus Dramatica, nicht nur ein Computerprogramm, das Autoren beistehen soll, sondern eine komplette »Story-Theorie«. Näheres in englischer Sprache unter http://dramatica.com, wo man auch das voluminöse englischsprachige Handbuch kostenlos als PDF herunterladen kann. Kann hilfreich sein, vor allem für den Anfänger, benötigt jedoch eine längere Einarbeitungszeit.) Der Kontagonist hat durchaus seine eigene Agenda, die nicht immer mit der Agenda des Antagonisten parallel läuft. Die Überlebenschance des Kontagonisten – wie auch die des Antagonisten – tendiert gegen null.

Ansonsten erschafft man die Charaktere nach Bedarf. Wichtig dabei ist, dass jede Person eine andere dramatische Funktion erfüllt, also beispielsweise für ein anderes Wertesystem steht. Wenn ich zwei Charaktere habe, die stets einer Meinung sind, dann ist einer davon überflüssig und sollte entfernt werden. Typischer Fall: Eine Gruppe von Personen, die auf sich allein gestellt sind. Wenn die alle einer Meinung sind, ist das Ganze sinnlos. In solchen Situationen gibt der Autor jedem der Beteiligten einen anderen Charakter und Hintergrund, der ihn zum Stellvertreter bzw. »Platzhalter« für eine bestimmte Geisteshaltung, eine gesellschaftliche Strömung oder was auch immer macht – worum es eben in der Geschichte geht. Klassisches Beispiel dazu: Sidney Lumets Film 12 Angry Men (Die zwölf Geschworenen) von 1957.

Die Reise des Helden

Ich habe ein bisschen Platz übrig, also bringe ich noch ein Thema zur Sprache, das in diesen Rahmen gehört.

Für den Protagonisten einer Geschichte gibt es stets zwei Möglichkeiten: Entweder er verändert sich im Laufe einer Geschichte, oder er bleibt, wie er ist. Das mag nach Plattitüde klingen, ist jedoch eine der wichtigsten Entscheidungen, die der Autor treffen muss.

Im Allgemeinen wird es als »besser« erachtet, wenn der Held sich im Laufe der Geschichte (geistig) wandelt, aufgrund seiner in dieser Geschichte gemachten Erfahrungen im weitesten Sinn. Dies ist bei »literarischen« Romanen so gut wie immer der Fall, kommt aber auch in kommerziellen Romanen häufig vor. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von einem grundlegenden Wandel in seiner Geisteshaltung, nicht nur einer Änderung seiner Motive o. Ä.

James Bond ist das Paradebeispiel des Helden, der bleibt, wie er ist. Er erfüllt seine Aufgabe, die er selten oder nie hinterfragt, und macht keine wie auch immer geartete »Läuterung« (Katharsis) durch. Er geht in das nächste Abenteuer mit der gleichen Einstellung wie in das vorangehende. Das ist auch kein Wunder, denn er ist ein Serienheld. Serienhelden ändern sich selten, und der Leser, der den Protagonisten liebgewonnen hat, kann sich auf dessen Konstanz verlassen. Ausnahmen gibt es eigentlich nur, wenn ein Autor eine Serie allein schreibt; dann hat er die Möglichkeit, eine allmähliche Wandlung einzubauen. Wenn er dabei jedoch nicht vorsichtig zu Werke geht, riskiert er, dass ihm die Stammleser davonlaufen.

Für meinen Fantasy-Roman habe ich entschieden, dass der Held sich ändert. Wie bereits im vierten Blogeintrag über das Thema des Romans dargelegt, ist er zunächst von der bestehenden Ordnung überzeugt, wandelt sich jedoch im Lauf der Handlung zu einem Gegner dieser Ordnung, bis er schließlich dazu beiträgt, sie zu stürzen. Gleichzeitig wird der jugendliche Held durch diesen sich über vielleicht 500 Seiten hinziehenden Prozess zum Erwachsenen.

Wie zeigt man nun dem Leser so eine Änderung des Protagonisten? Auch das habe ich schon im vierten Blogeintrag angesprochen. In der Regel genügen vergleichsweise wenige Szenen:

  • Ich zeige: Der Held fühlt sich wohl in seiner Welt (Ausgangszustand).
  • Ich zeige: Der Held wird beunruhigt.
  • Ich zeige: Der Held erträgt die herrschende Ungerechtigkeit nicht mehr.
  • Ich zeige: Der entscheide Anstoß, der Held wird zum Handeln gezwungen.
  • Ich zeige: Die Weltanschauung des Helden – und damit vielleicht sogar die Welt an sich – hat sich geändert (Endzustand).

(Mehr über Szenen später, wenn es ans Schreiben geht.) Der kritische Punkt hierbei ist die Glaubwürdigkeit. So eine Änderung kommt nicht über Nacht, und nicht nur, weil jemandem im falschen Moment eine schwarze Katze über den Weg läuft. Die Änderung muss gut vorbereitet sein; überdies muss es sich bei der Person, die sich ändert, um eine intelligente und einigermaßen weltoffene handeln. Sture oder gar dumme Menschen ändern sich nicht.

Das war’s für heute: Freuen Sie sich: Das nächste Mal beginnen wir mit dem Exposé!

Bis dann,

Miguel

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