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29 Nov

Ein Fantasy-Epos entsteht - Teil 7

7. Das Exposé (Teil 1): Vorarbeiten und erste Grundzüge

Jeder Roman beginnt mit der Ideensammlung, zumindest bei mir. Der Computer macht das ja so herrlich einfach: Jeder Roman bekommt sein eigenes Verzeichnis, in dem dann alle relevanten Dateien abgelegt werden: Exposé, Personenverzeichnis, Quellenverweise und -exzerpte, das Manuskript selbst etc. Natürlich auch der Text dieses Blogs. Manchmal lege ich auch Unterverzeichnisse an, typischerweise für verschiedene Überarbeitungen. Im Fall von Serien gibt es ein Unterverzeichnis für jeden Einzelroman, Serienexposé o. Ä. findet sich im Hauptverzeichnis.

Die Ideensammlung für den Fantasy-Roman, um den es hier geht, habe ich im Jahr 2007 begonnen. Das ist vergleichsweise lange; typischerweise liegen bei einem größeren Roman drei bis vier Jahre zwischen der ersten Idee und dem Beginn der Niederschrift (bei mir). Und in manchen Fällen vergehen auch danach noch mehrere Jahre bis zu einer gründlichen Überarbeitung: Das hängt u. a. davon ab, ob es eine Auftragsproduktion bzw. ein mit einem Verlag bereits abgesprochener Roman ist, oder ob ich ihn gewissermaßen »auf eigenes Risiko« schreibe (und mich anschließend auf die mühselige Suche nach einem Verlag begeben muss). Dieser Fantasy-Roman fällt in die Kategorie »abgesprochen«, da ich dem Verleger das Manuskript zugesagt habe. Das bedeutet, es werden nicht Jahre, sondern nur Monate vergehen bis zur Ablieferung des fertigen Textes. Es bedeutet ferner, dass ich einem gewissen Zeitrahmen unterworfen bin. Trödeln ist nicht, sonst steht Ärger ins Haus, nicht nur mit dem Verleger, sondern vielleicht auch mit Ihnen ...

Umso wichtiger ist eine vernünftige Planung. Wie ich bereits einmal bemerkte: Die Zeit, die ich in die Planung investiere, bekomme ich später mehrfach wieder herein, denn ich vermeide Irrungen und Wirrungen und damit langwierige und fehleranfällige Überarbeitungen. Je detaillierter die Planung, desto reibungsloser geht anschließend die Niederschrift vor sich, desto weniger Nacharbeiten sind erforderlich.

Und um diese Planung – die Erstellung eines Exposés, also eines mehr oder weniger detaillierten Handlungsablaufes – geht es nun. Über Jahre hinweg habe ich meine Ideensammlung erweitert, bis ich schließlich die Entscheidung fällte, den Roman zu schreiben. Die erste Aufgabe war nun, den Wust an zusammenhanglosen Ideen zu sichten und gewissermaßen die Spreu vom Weizen zu trennen. Und Spreu gibt es da stets genug; im Rückblick mag man kaum glauben, was man in irgendeinem bierseligen Moment für eine gute Idee hielt. (Schönes Beispiel: »Alle rätseln über die Bedeutung eines alten Textes. Da kommt einer vorbei, wirft einen Blick drauf, stößt einen spitzen Schrei aus – und kippt aus den Galoschen.« Das passt allenfalls in eine Horrorparodie, und für die gibt es keinen Markt – Kategorie »brotlose Kunst«.) Nebenbei bemerkt: Eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Autors ist es, eine gute Idee von einer schlechten unterscheiden zu können. Das ist nicht immer so einfach, wie es klingt.

Einige der Dinge, die ich mir im Lauf der Jahre für diesen Roman notiert habe:

  • Das Dorf der Kinder: Alle Erwachsenen wurden deportiert.
  • Ein Floß aus aufgedunsenen menschlichen Leichen.
  • »Höher als des Menschen Türme sind die Throne der Götter.« (Klosterspruch aus Shigatse)
  • »Der Hass der Frauen ist viel stärker und unversöhnlicher als jener der Männer.« (Torres’sche Weisheit)
  • Tunnelbauer.

u. v. a. m.

Nur ein Teil der Ideen wird letztlich verwendet, denn nicht alles passt zusammen, und es ist kontraproduktiv zu versuchen, alles in einen Roman zu quetschen. Der Klosterspruch gefällt mir so gut, dass ich ihn in jedem Fall verwenden werde; vor meinem geisteigen Auge entsteht eine gewaltige Festung mit dem höchsten Turm, den die Menschheit je gesehen hat. Aber es ist das Schicksal aller Festungen, irgendwann zu fallen ... Das nur von Kindern bewohnte Dorf hat auch einiges für sich, denn man kann damit sehr schön die Brutalität des herrschenden Systems illustrieren. Die Punkte zwei und vier bleiben erst mal draußen, vielleicht kann man sie später in einem anderen Roman verwenden. Und dann ist da noch die Sache mit dem Tunnelbauer ...

Technikgeschichte hat mich schon immer interessiert, neben altrömischer Geschichte. Wie hat man es vor zwei oder mehr Jahrtausenden geschafft, Tunnel auf einer Länge von Hunderten von Metern von beiden Seiten gleichzeitig aufzufahren, und zwar so präzise, dass die beiden Stollen sich in der Mitte trafen? (Keine Sorge, ich gehe jetzt nicht ins Detail.) Außerdem ist mir niemals ein Roman in die Hände gefallen, in dem es um einen Tunnelbauer ging. Warum also, fragte ich mich, mache ich den Helden nicht zu einem Vertreter dieses Berufsstands? Oder besser noch (die erste Idee ist selten die beste): zum Gesellen eines Tunnelbauers, da es ja ein jugendlicher Held sein soll?

Das bietet eine Menge Möglichkeiten. Zum einen fällt es mir durch diese Wahl leicht zu zeigen, dass es sich bei unserem Helden um ein pfiffiges Kerlchen handelt; jeder Held sollte schließlich pfiffig sein. Und zum anderen kann ich seinen Chef, den alten, erfahren, aber auch verknöcherten Tunnelbauer benutzen, um gleich zu Beginn der Handlung einen Konflikt zu erzeugen: Alt gegen Jung, eingefahrene Verhaltensweisen gegen neue Ideen. Der junge Tunnelbauer hat andere Vorstellungen als der alte, und er sagt ihm dies auch. Damit lehnt er sich zum ersten Mal gegen die herrschende Ordnung auf, wenn auch in vergleichsweise kleinem Maßstab. Doch diese Auflehnung ist ungemein wichtig im Hinblick auf die spätere Wandlung unseres Helden, die ich im vorangehenden Blogeintrag dargelegt habe. Denn diese Wandlung darf ja nicht aus heiterem Himmel kommen (sonst ist sie unglaubwürdig), sondern muss gut vorbereitet werden. Mit dem Konflikt zwischen den beiden zeige ich gleich zu Beginn, dass der Held »seinen eigenen Kopf« hat, eigene Ideen, für die er notfalls zu kämpfen bereit ist – eine unabdingbare Voraussetzung für seine späteren Handlungen.

Fassen wir also zusammen, was wir bislang haben:

  • Den jugendlichen Protagonisten, Geselle eines Tunnelbauers.
  • Konflikt zwischen dem Protagonisten und seinem Chef, dem alten Tunnelbauer.
  • Zu Beginn glaubt der Held an die herrschende Ordnung, wird jedoch im Lauf der Handlung immer skeptischer, bis er sich zu deren Gegner wandelt, der maßgeblich dazu beiträgt, das »Regime« – wie auch immer dieses aussieht – niederzureißen.
  • Die jugendliche Heldin und die Liebesgeschichte zwischen den beiden.

Das ist doch schon mal ein Anfang. Bevor wir den Faden weiterspinnen, sollten wir uns jedoch Gedanken über den Handlungsrahmen machen, also den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund, in dem sich die Romanhandlung abspielt. Darum kümmern wir uns das nächste Mal. Bis dann!

Miguel

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