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30 Okt

Herr des Hakenkreuzes/Der Stählerne Traum, Norman Spinrad, Heyne Verlag, Rezension

JA! ICH GEBE ES ZU: Ich habe dieses Buch nur wegen des Titelbildes gekauft – Hitler in Ledermontur auf’m futuristischen Mopped mit’m wehenden Cape à la Supermann! Big Marketing per Titelbild, übrigens erschaffen von Rowena Morrill, einer großartigen Science-Fiction- und Fantastic-Illustratorin.
Der Griff ins Regal und das Zahlen an der Kasse war von dem Gedanken beherrscht: Was hat Hitler in der Zukunft verloren? Wir können doch („heil“)froh sein, dass er sich letztendlich, endlich und viel zu spät – leider haben ihn u. a. die Bomben von Georg Elser oder Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht erwischt –, umgebracht hat. Außerdem ist der Autor ein Amerikaner jüdischen Glaubens. Norman Spinnrad ist daher wohl erhaben über jegliche Art von Verherrlichung eines körperlich eher untergroßen Österreichers, aufgestiegen aus einfachen Verhältnissen, der beim einem Aussieben von Menschen nach seinen eigenen arischen Maßstäben glatt hindurchfallen würde.
Um den Roman zu verstehen, sollte man versuchen, einige Meilen in den Mokassins des Autors laufen, in Abwandlung eines indianisches Sprichworts.
Spinrad konstruierte eine Szenerie, in welcher Adolf Hitler, von Misserfolgen enttäuscht, Ende 1919 nach Amerika auswanderte. Den Rest seines Lebens bis zu seinem „natürlichen Tod“ 1953 verbrachte er in New York und widmete sich als Schriftsteller, Illustrator und Herausgeber dem Genre der Science Fiction. Der Zweite Weltkrieg mit über 50 Millionen Toten und impliziert der Massenmord an über sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens fand folglich nicht statt, wenn man davon ausgeht, dass die geschichtliche Person Adolf Hitler ausschlaggebend war.
Der letzte vom fiktiven USA-Hitler kurz vor seinem Tod verfasste Roman trägt den Titel „Herr des Hakenkreuzes“, für den er 1955 posthum mit dem Hugo Gernsback Award geehrt wurde. Wer die Bedeutung dieses Preises in unserer reellen Welt kennt, merkt nun, dass Norman Spinrad eine bissige Satire gegen rechtslastige Tendenzen in der SF-Szene geschrieben hat! Denn der Stil dieses fiktiven Romans ist eine sf-stilistische Fortschreibung von „Mein Kampf“, den er in dieser anderen Zeitebene ja nicht geschrieben haben konnte, weil er nicht ein durchaus angenehmes Zellendasein in Landsberg am Lech aufgrund des misslungenen Kapp-Putsches verbracht hatte.
Hätte er tatsächlich „Herr des Hakenkreuzes“ geschrieben statt „Mein Kampf“ oder hätte(-hätte-hätte-Fahradkette-)Steinbrück die Kanzlerwahl gewonnen oder hätte „Schweini“ gegen Frankreich in der 44. Minute keine Reflexbewegung gemacht oder hätte Hitler die Aufnahmeprüfung der Kunstakademie in Wien bestanden oder hätte ich damals auf’m Schulabschlussball im ausgehenden Neonscheinwerferlicht nicht die Magda mit der Valerie verwechselt usw., dann wäre …
Wir sind mittendrin im SF-Genre der „alternative history“, demzufolge Spinrad eines der frühen Werke ablieferte, allerdings ohne es zu beabsichtigen. Es ist durchaus reizvoll, zu spekulieren was wäre wenn damals … oder was geschieht wenn der deutsch-kaiserliche „Kleine Kreuzer Saarbrücken“ unversehens ins Römische Reich des Jahres 378 versetzt wird (Dirk van den Boom, Kaiserkrieger)?
Vorbei ist vorbei, das ist meine Meinung, das Spiel ist aus, das Spiel ist aus, gewonnen, verloren oder unentschieden. Deswegen hält sich meine Begeisterung für dieses Genre in Grenzen, weil „hätte, hätte, Fahradkette …“
Bei Spinrad hat der Ausflug ins Spekulative durchaus einen Sinn und darum zurück zur Absicht des Autoren: Er will die SF-Leser dahingehend sensibilisieren, nicht die gesamte Literatur kritiklos begeistert zu konsumieren, denn es gibt durchaus eine Bandbreite von überzeugten Autoren und Verlegern, die sich eine Zukunft im IV. Reich vorstellen und/oder wünschen, von der wir bitte schön verschont bleiben. Es gibt auch Zeitgenossen, für die das III. Reich immer noch existiert und dies auch im SF-Genre kundtun.
Spinrads Botschaft lautet: Lesen Sie ruhig SF und Phantastik, denn dies sind wunderbare Genres der Literatur, aber achten Sie auf versteckte Botschaften, die wir uns schenken können, kaufen Sie diese Werke auch nicht und empfehlen nichts weiter.
Der Autor bedient sich der Technik vom Buch im Buch. Der Haupttitel „Der stählerne Traum“ ist praktisch nur der Einband sowie die nur zweiseitige Einführung zum Autoren, also dem fiktiven Hitler. Danach folgt schon dessen hypothetisches Werk „Der Herr des Hakenkreuzes“, geschrieben in einem Stil, der dem tatsächlichen Hitler wohl ohne weiteres zuzutrauen gewesen wäre. Die ganze Story ist dermaßen überkandidelt und bramarbasierend erzählt, das einem unbescholtenen Leser eigentlich schnell klar werden müsste, müsste?, dass es sich um ein Pamphlet übelster Art handelt. Nicht vergessen, Spinrad ahmt den Stil Hitlers nach, er selber würde niemals so schreiben. Und für diesen Schund den Hugo Gernsback Award? Er wird die damaligen Preis-Juroren wohl nicht allzu sehr geschätzt haben. Der zweite Absatz der Autoren-Einführung (Fiktiv-Hitler) strotzt nur so von Seitenhieben gegen die damalige US-SF-Szene.
Übrigens: Das ebenfalls fiktive Nachwort von Homer Wipple sollte man sich dreimal durchlesen, denn man muss sich einer gewissen Faszination bewusst entziehen.
„Der stählerne Traum“ ist ein wichtiges Werk, mir jedenfalls hat es auf längere Sicht „die Augen geöffnet“, aber zunächst war ich verwirrt, weil jung, und brauchte einige Zeit, um alles einordnen zu können. Daher sind Vorkenntnisse vor dem Lesen zu empfehlen.

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