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Im Januar 2013 marschierte ich in einen Buchladen, um meine „Geburtstagsgeschenkgutscheinchen“ in Lesbares umzutauschen. Von vornherein hatte ich dies beabsichtigt und meine Freunde gebeten, keine Präsente mitzubringen, sondern Gutscheine nur von diesem Buchladen und keinem anderen.

Zielsicher steuerte ich einen hoch mit Büchern beladenen Grabbeltisch an und lud mir die zehn Bände von George R. R. Martin auf. Mit dem Stapel navigierte ich mich zur Kasse und wurde prompt von der Kassiererin gefragt, ob ich denn gut gefrühstückt hätte. Ich lugte mit fragendem Blick über den Stapel, den ich mir einen halben Meter hoch bis unter die Nase aufgetürmt hatte, sodass sie meinte, es wären ja bestimmt acht bis zehn Kilo. Ich stellte den bedenklich schwankenden Stapel auf dem Tresen ab, neugierig beäugt von einer Schlange Kunden hinter mir. Nachdem ich „gutscheinbezahlt“ hatte, wünschte mir die Verkäuferin noch einen unfallfreien Weg bis zum Auto, obwohl ich schon auf Tütentransport umgestiegen war.

Zu Hause angelangt, fing ich sofort an zu lesen und nach zehn Monaten war der letzte Band von „Das Lied von Eis und Feuer“ durch.

Ich bin ein Spätzünder und springe selten auf einen aktuellen Trend auf. Daher holte ich die Bücher erst, nachdem ich eine begeisterte Rezension in dem Magazin „Phantastisch“ gelesen hatte. Es schien genau nach meinem Geschmack zu sein – richtig!

Nun hatte ich vielleicht den Vorteil, alle zehn Bände in einem Rutsch zu lesen, anstatt zum Teil jahrelang auf den nächsten Band zu warten. Die Fernsehserie hatte ich schon zuvor ausschnittweise wahrgenommen, aber noch nicht realisiert, worum es ging.

Mein Eindruck beim Lesen:

Von Anfang an haben mich fasziniert der Umgang mit den Hauptpersonen und das Geflecht der Handlung.

Das macht viel vom Reiz der Romane aus, nämlich der Verstoß von J. R. R. Martin gegen die gängigen Schreib-Regeln: die Hauptpersonen bis zum Ende zu „schonen“ sowie die Geschehnisse möglichst durchgängig aus der Sicht eines Helden zu erzählen.

Er opfert stattdessen seine Helden und in jedem Kapitel wird die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel (Viewpoint) weiter erzählt.

Obwohl er also dem Leser mit der Opferung der Helden einiges zumutet, vergrault er die Leser nicht, denn die Geschichte ist dermaßen episch aufgebaut, dass „mühelos“ ein anderer Held in die Bresche springen kann. Zudem ist die Handlung trotz stets wechselnder Sichtweisen durchgehend logisch geknüpft – die für mich mit Abstand beachtlichste Leistung des Autoren!

Diese beiden „Verstöße“ also zogen mich in den Bann der Geschichte und ließen mich dran bleiben.

Das Werk ist umfangreich und wird noch mehr anschwellen. Hier beginnt die Schwäche, nämlich das Schreiben vom Hundertsten ins Tausende, indem er noch mehr Handlungsfäden einknüpft. Ich ertappte mich immer wieder dabei, dass ich voraus blätterte, um nachzusehen, wann wieder ein Kapitel mit einem meiner „Lieblinge“ wie Tyrion Lennister kommen würde.

Der Handlungsfaden zum Beispiel der Brienne von Tarth läuft regelrecht ins Leere, wird nach gefühlten 1.000 Seiten erst wieder aufgenommen und sogleich wieder fallengelassen.

Bezeichnend dafür ist das Vorwort des Autoren in einem der späteren Bände, in dem er sich bei den Lesern geradezu entschuldigt für sein „Ausschweifen“.

Zudem schont er mit fortlaufender Handlung die „alten“ sowie die in die Bresche gesprungenen Helden – er verstößt weniger gegen die Regeln wie am Anfang, ein großer Teil des Reizes geht dadurch verloren. (Auch Tyrion müsste sehr bald dran glauben – jawoll – obwohl er mein persönlicher Held ist. Eben deswegen, weil das der ganz besondere Reiz dieser Serie ist!)

Sicherlich hat er dies bemerkt, denn der zehnte Band endet mit einem Paukenschlag: Einer der bisher durchgängig agierenden Helden muss dran glauben ... überraschend, aber konsequent. Sehr spät, aber immerhin. Vielleicht bekommt Martin ja wieder die Kurve und schreibt ab Band 11 wieder so „hart“ wie zu Beginn.  

Gestört hat mich von Anfang an die unrealistische Mauer, bis ich mich entschlossen habe, sie einfach so stehen zu lassen. Durchgängig haben die Bände eine Schwäche mit der längeren Zeiteinteilung, speziell bei nachvollziehbaren Alterungsprozessen einiger Hauptpersonen.

Alles in allem ein großes Lesevergnügen, jedoch mit nachlassender Tendenz.

Und ob es jemand glaubt oder nicht ... ich warte nicht sehnsüchtig auf den nächsten Band 11/12). Ich bin nämlich nicht scharf darauf, zu erfahren, dass die Drachendame Daenerys auch nach dem 14. Band noch nicht in Westeros „eingetroffen“ ist. (Gähn!)

Trotzdem unbedingte Leseempfehlung für noch länger als ich Ahnungslose!

Der Kauf aller zehn Bände auf einmal ist ebenso unbedenklich! (Aber ... s. u.)

kinnison

PS: Beim 10-Band-Großeinkauf gut frühstücken nicht vergessen!

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Es gibt mindestens 56 Publikationen zu Störtebeker, von denen ich gewiss ein Drittel erworben und gelesen habe. Ich verfasste nämlich ein Drehbuch „Klaus Störtebeker“ und sandte das Manuskript an den NDR. Leider wurde von der Fernsehanstalt gerade ein Zweiteiler namens „Störtebeker“ nach dem Drehbuch von Walter Christian Kärger mit dem Hauptdarsteller Ken Duken verfilmt. (Naiver, aufwändig produzierter Säbelrassel-Zweiteiler, Zitat Rainer Tittelbach in tittelbach.tv)

Seither schlummert mein Werk in der Schublade ...

Das Interesse jedoch ist geblieben und daher erwarb ich oben genanntes Buch, gebraucht aber signiert von Harald Gröhler. Das konnte ich erfreut feststellen, als ich das Paket von Amazon öffnete und das Buch aufschlug. Ich habe auch gleich zu lesen angefangen ...

... und nach einer Weile pausiert, denn der Text ist ungewöhnlich. Er beschäftigte mich, denn ich konnte das Werk noch nicht einordnen und bewerten.

Also recherchierte ich im iNet:

Harald Gröhler, (* 1938 in Bad Warmbrunn) ist ein deutscher Schriftsteller. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Lyrik und Bühnenstücke. Er ist hervorgetreten als Essayist und Herausgeber literarischer Texte.

In Göttingen, Kiel und Köln studierte er Psychologie, Philosophie und Geschichte. 1976 hatte er zwei Gastprofessuren für Literatur/Literatursoziologie an US-Staatsuniversitäten in (Texas und New Mexico) inne.

Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, im Autorenkreis Rhein-Erft, in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, der Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge, des Verbands deutscher Schriftsteller, im Autorenkreis historischer Roman Quo vadis, des Plesse-Autorenkreises und Gründungsmitglied des Literaturhauses Köln.

Dann las ich den „Klappentext“ des Buchs:

Spätes Mittelalter, Hansezeit, Ost- und Nordseeraum zwischen Ordensland und friesischen Inseln. Klaus Störtebeker sorgt mit den Vitalienbrüdern für Unruhe. Harald Gröhler begnügt sich nicht mit dem bekannten, von zahllosen Legenden umrankten Bild des historisch verbürgten Freibeuters, das Bücher und Filme immer weiter ausschmücken. Er geht einen anderen Weg: Aus den nicht eben üppigen Informationen authentischer Quellen lässt er Umrisse des wirklichen Störtebeker erstehen. Ein bislang kaum bekanntes englisches Dokument liefert hier eine kleine Sensation. Dabei verlieren die Figuren nichts von ihrer Lebendigkeit, erzählt wird eine Geschichte voller Saft und Kraft, mit genauem Zeitkolorit und zuweilen auch deftigem Humor. Für diese Verbindung aus historischer Erzählung und sorgfältiger Dokumentation hat der Autor einen ganz eigenen Ton gefunden. Eine fesselnde Lektüre.

Es folgt der Auszug aus einer Buchbesprechung:

Lesevergnügen für Jugendliche und Erwachsene. Und er ist sich treu geblieben. Dieses Buch hat wiederum mehrere Ebenen. Man kann es lesen als Roman, aber eigentlich ist es aufgebaut wie ein Band mit mehreren Erzählungen. Wer mehr über die Hintergründe und die historischen Zusammenhänge wissen möchte, für den sind die ausführlichen Anmerkungen im Anhang sehr hilfreich. Und Gröhler wäre nicht Gröhler, wenn er nicht wieder mit "literarischen Tricks" gearbeitet hätte, die das Lesevergnügen noch erhöhen: Die Namen der Helden Klaus Störtebeker und Gödeke Michels werden unterschiedlich geschrieben, je nachdem, ob Gröhler Sagen wiedergibt bzw. Stoffe poetisch ausgestaltet oder ob Fakten genannt werden, die einen hohen Grad an Wahrscheinlichkeit haben oder aber, ob eine gesicherte Quellenlage vorliegt. So kann der Leser den Band, der im Untertitel 'Die Biographie' heißt, als Roman lesen und, wenn er möchte, zusätzlich immer mehr über die Hintergründe in Erfahrung bringen.

Gern bestätigen die Kritiker Gröhler generell einen "vielseitigen und spielerischen Umgang mit Sprache". Von einem Geflecht sprechen sie, in dem surrealistische und traumhafte Elemente auszumachen sind.

Was den „spielerischen Umgang mit der Sprache“ betrifft – Biografie und „Romanhandlung“ wechseln sich permanent und stets ansatzlos ab.

Last but not least wollte ich den Unterschied zwischen einer Biografie und einem Roman erkennen – also guckte ich bei Wikipedia (mit der stets nötigen Vorsicht, dass Wikipedia nicht „alternativlos“ ist) ...

Eine Biografie ist die Lebensbeschreibung einer Person. Die Biografie ist die mündliche oder schriftliche Präsentation des Lebenslaufes eines anderen Menschen. Biografien bilden auch ein wichtiges Instrument der Erinnerung an andere Personen. Sie sind daher Gegenstand der Literatur- und Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Pädagogik, der Psychologie, der Medizin und der Theologie.

Der Roman ist eine literarische Gattung, und zwar die Langform der schriftlichen Erzählung. Von anderen Gattungen ist der Roman vor allem negativ abzugrenzen. Das Kriterium der Fiktionalität unterscheidet den Roman von faktualen Erzählungen – etwa denen der Geschichtsschreibung –, die ein getreues Abbild eines Geschehens darbieten wollen. Oft weist schon das Wort Roman auf dem Cover oder Titelblatt einen Roman als künstlerisches und damit fiktionales Werk aus.

Nun war ich etwas schlauer und konnte mir meine Meinung zu dem Buch bilden:

Gröhler schreibt im Prinzip gegensätzliche Gattungen zu einem Wust zusammen, springt hin und her zwischen Biografie, Roman, Vergangenheit und Gegenwart. In meinem Kopf entsteht daher der Eindruck von „Leipziger Allerlei“ in schriftlicher Form. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Lektor dieses Werk durchgesehen hat, denn woher sollte dieser wissen, ob so gewollt oder nicht.

Wer eine solche Form der Textverarbeitung mag und sie für Sprachkunst hält, mag es ruhig lesen.

Mit geht sein „ganz eigener Ton“ jedoch „gegen den Strich“ – es ist für mich einfach kein Vergnügen, Texte in diesem Stil zu lesen.

Jedoch nehme ich keine Bewertung vor.

Klaus Scheidt

Kassel, den 13. Februar 2016

Nun habe ich noch etwas Passendes zu dieser Buchbesprechung gefunden ... ;-)

Über gewisse Schriftsteller

Sie fahren das Erlebte und Erlernte

nicht in die Scheuer ein und nicht zur Mühle.

Sie zeigen ihre Felder statt der Ernte,

die noch am Halme wogenden Gefühle,

und sagen zu den Lesern stolz und fest

"Das wärs - nun fresst!"

Erich Kästner

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Zunächst eine Empfehlung: http://notquitelikebeethoven.wordpress.com

Dieser Blog über Unhörbares, Unerhörtes und Nichtgehörtes befasst sich naheliegend mit Taubheit und Schwerhörigkeit.

Der Titel „Not quite like Beethoven“ (Nicht ganz (so) wie Beethoven) bezieht sich wohl darauf, dass Hörgeschädigte keineswegs so verzweifeln müssen wie Beethoven.

Dass Alexander Görsdorf einen englischsprachigen Titel für seinen Blog gewählt hat, könnte daran liegen, dass er diese Sprache fließend beherrscht – er promovierte in Harvard, USA.

Die Promotion (lat. promotio ‚Beförderung‘) ist die Verleihung des akademischen Grades eines Doktor oder einer Doktorin in einem bestimmten Studienfach und in Form einer Promotionsurkunde. Sie gilt als Nachweis der Befähigung zu vertiefter wissenschaftlicher Arbeit und beruht auf einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeit, der Dissertation, sowie einer mündlichen Prüfung. Das Promotionsrecht besitzen Universitäten und (in Deutschland) ihnen gleichgestellte Hochschulen.

Die Harvard University (kurz Harvard) ist eine private Universität in Cambridge, Massachusetts im Großraum Boston an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Die Gründung geht zurück auf das Jahr 1636, als fromme englische Kolonisten im damaligen Newetowne den Beschluss fassten, eine Ausbildungsstätte für Geistliche zu errichten. Aus dieser Schule ging die Harvard-Universität hervor, die damit die älteste Universität der Vereinigten Staaten ist. Harvard erreicht in internationalen Vergleichen regelmäßig einen Spitzenplatz unter den besten Eliteuniversitäten.

Warum füge ich aus Wikipedia diese langen Erläuterungen an? Auch wenn man es nicht glaubt – es gibt (einige?) Leute, die so etwas nicht wissen, vor allem Taube und Schwerhörige. Die würden wohl eher sagen: „Der hat seinen Doktor gemacht und zwar auf einer Ami-Uni.“

Sein Buch „Taube Nuss – Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen“ ist eine Zusammenstellung von kurzen Geschichten und Episoden. Seine Erlebnisse kann man zusammenfassen in einem Satz: „Es geschieht so viel, was wirklich nur einem Schwerhörigen (Tauben/Ertaubten/Hörgeschädigten) passieren kann!“

Ganz genau so ist es – häufig identifizierte ich mich mit den geschilderten Gegebenheiten, weil ich sie selbst erlebt habe oder ohne Weiteres nachvollziehen konnte. Aber nicht posthum grollend, sondern nachsichtig lächelnd. Dafür sorgt der Autor mit seiner durchweg humorvollen Sicht der Dinge. Aber da muss man als Betroffener erst einmal hinkommen – kein Wort davon, wie er es geschafft hat, seine Behinderung „von der leichteren Seite“ zu nehmen.

Aber es gibt solche Menschen, die unwiderstehlich ihre Bahn ziehen, egal, welches Handicap sie haben. Ich kenne so einen Einzelkämpfer, der ist heute Chefarzt und wollte es auch werden und hat sich von niemandem auf seinem Weg aufhalten lassen.

Bei den Texten von Alexander Görsdorf fiel mir schon während des Lesens auf, dass er sich stets orientierte an den „Flotthörenden“, so nennt er die gut Hörenden auf etwas flapsige Art. Zu ihnen will er gehören um jeden Preis. So wie Beethoven, der den Hörenden verpflichtet bleiben wollte oder musste wegen seiner Musik.

Der Blick auf die andere Seite, ein Leben unter Schwerhörigen oder Tauben, fehlt in dem Buch gänzlich, ganz im Gegensatz übrigens zu seinem Blog.

Es gibt einige Geschichten mit „Ärger“, den er sich hätte ersparen können, wenn er mit „Seinesgleichen“ darüber gesprochen oder Kontakt gehabt hätte. Zum Beispiel gibt es statt Vibrationswecker auch Lichtwecker mit denen er in einigen Situationen „besser gefahren“ wäre.

Vor vielen Jahren empfahl Dr. Werner Richtberg uns jungen Schwerhörigen bei einem Vortrag, mit unserer Behinderung in „angemessener Resignation“ umzugehen. Ich hätte ihm am liebsten ... und Herr Görsdorf an meiner statt wohl noch mehr ...

Heute gebe ich ihm recht – es erspart einem eine ganze Menge Mühsal. Es ist immer ein Nachteil, schwerhörig zu sein, und es kostet immer zusätzliche Kraft, mit den gut Hörenden mitzuhalten. Es gibt nur ganz wenige, wie Alexander Görsdorf, die das schaffen und wohl über einen geheimen Born verfügen, aus dem sie unermüdlich neue Kraft schöpfen.

Ich indessen habe längst die Erfahrung gemacht, den „Schwierigkeiten“ in meinem Leben besser aus dem Weg zu gehen. Das bedeutet für mich, mich nicht mehr als nötig der Welt der Hörenden auszusetzen, obwohl ich mich hundertprozentig lautsprachlich orientiere, allein schon durch meine Tätigkeit als Schriftsteller.

„Taube Nuss“ ist ein originelles Buch in wohltuendem Stil und ich habe es gern gelesen. Auf seine Art ist das Buch gelungen und sehr zu empfehlen.

Daher sind meine Anmerkungen nicht dazu gedacht, dieses Werk in irgendeiner Weise abzuwerten, sondern sie sind lediglich mein Hinweis, dass jede „Medaille ja auch noch eine andere Seite hat“.  

Klaus Scheidt

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Dienstag, 26 August 2014 00:00

"Limit", Frank Schätzing, Roman, Rezension

Dieses Buch habe ich mir vor zweieinhalb Jahren zum Geburtstag schenken lassen, passender Weise am 1.1. des Jahres.

Ich zögerte einige Jahre lang, mit dem Lesen anzufangen, weil

  • ich vorab mehrere Rezensionen zu diesem Werk las. Diese „Besprechungen“ schwankten zwischen Begeisterung und Enttäuschung, im Gegensatz zu dem „Schwarm-Roman“ der einhellig gelobt wurde.
  • zwischendurch die zehn Bände von „Game of the Thrones“ gelesen werden mussten (= nächste Rezension von mir), die ich mir vom Bargeldregen des nächsten Geburtstags gekauft hatte.
  • ein angefangenes Buch grundsätzlich von mir zu Ende gelesen wird. In 50 Lesejahren legte ich höchstens 10 Bücher mittendrin beiseite. (James Joyce, Ulysses: zu schwer zu lesen / Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals: zu verschwurbelt, Richard Dawkins, Der Gotteswahn, zu fundamental, gar nicht überzeugend, usw.). Fünf davon las ich irgendwann doch zu Ende

Erst als mir der Lesestoff ausging, fing ich an. Nun kann ich mir ein eigenes Bild von diesem Roman machen.

Gleich vorweg: Ich mag „Wälzer“! ... wenn sie keinen „Durchhänger“ haben. Daher mag ich Schriftsteller, die einen Wälzer erschaffen ohne Durchhänger.

Ich mag Frank Schätzing! ... als Schriftsteller von Wälzern ohne Durchhänger (das hänge ich mal vorsichtshalber an, um Missverständnissen vorzubeugen)! ;-)

Ich habe es gern ausführlich „beschrieben“ und schätze es sehr, wenn der Autor „für mich“ sorgfältig recherchiert hat. Ich mag es, beim Lesen viel über die Welt, die Menschen und über das ganze Drumherum dazu zu lernen. Unterhalten werden und „ganz nebenbei“ einen besseren Durchblick über vieles zu erhalten, finde ich einfach gut.

Darum ist „Limit“ kein reiner SF-Roman, sondern ein postgegenwärtiger Thriller, der morgen schon Wirklichkeit sein könnte. Vieles ist bereits gegenwärtig und die Rückblicke öffnen einem die Augen, was für schlimme Sachen geschehen sind und gerade geschehen, abseits von den Tagesnachrichten – Schätzing rührt den Schlamm, die „Kehrseite der Medaille Mensch“, kräftig auf. Leider kräht danach kein Hahn mehr.

Mir wurde der Wälzer an keiner Stelle zu lang, denn die Spannung blieb bis zum Schluss, der echten Überraschung bei der Enttarnung.

Die „Verfolgungspassagen“ sind dermaßen „virtuell-virtuos geschrieben“, dass ich keinen Film mehr dazu sehen muss – die spielten sich live vor meinem „inneren Auge“ ab. Der Text ist teilweise ein Actionfilm in Worten! Sollten diese Szenen verfilmt werden, ist kein Drehbuch mehr nötig, es geht eins zu eins. Das würde auf jeden Fall eine Herausforderung für Stuntfrauen und Actionmänner.

Einige Textbilder sind sehr gelungen, einige recht gezwungen und einige einfach krass übertrieben, zum Beispiel „Eine Galaxie explodierte in seinem Gehirn“.

Zum Schluss lässt die Qualität des Textes nach, als ob der Autor es nun doch etwas eilig hatte, fertig zu werden. Auch der Lektor wird müde geworden sein. Und so ist wohl auch der Lapsus zustande gekommen, der mir sogleich auffiel: Schätzing vergrößert die Piazza San Marco in Venedig auf 1,5 Quadratkilometer – das wären 140 Fußballfelder. 1,5 Hektar wäre richtig ... also 1,4 Fußballfelder, ein Hundertstel. Schwamm drüber, denn auch kein Leser scheint noch aufgepasst zu haben. (Oder ist das in einer neueren Auflage bereits geändert worden?)

Sehr gern gelesen!

Kinnison

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Mein gebrauchtes Exemplar erwarb ich beim Besuch des BuCon 2011 in Dreieich. Es sah noch wie neu aus und sollte weniger als zehn Euro kosten. Ich war fast schon auf dem Heimweg, als ich zum Stand ging, um das Buch zu kaufen. Der Verkäufer jedoch war gerade ausgetreten, ich derweil hatte es gerade eilig (nach Hause). Kurzentschlossen legte ich einen zehn Euroschein auf den Stuhl (den hölzernen), nahm das Werk an mich und sagte dem Standbetreiber zur Rechten, dass der gute Mann sich von dem Rest einen Kaffee gönnen sollte.

Wälzer wecken bei mir sowohl Anziehungs- als auch Abschreckungskräfte.

Ich denke zunächst an die Mühe des Lesens sowie den Zeitaufwand. Als nächstes jedoch verbinde ich mit dem mir unbekannten Werk die Hoffnung, dass es sich lohnt. Dann folgt die Skepsis, ob es möglich ist, zum Beispiel dieses Buch mit neunhundertachtundsiebzig Seiten zu schreiben, ohne Längen zu fabrizieren.

Letztendlich siegte mein Bücherwurm-Gen (wie üblich) und ich las mich hinein ins Unbekannte. „Unbekannt“ ist bei diesem Science-Fiction-Werk wahrhaftig das treffende Wort. Dennoch hatte ich stets das Gefühl, diese Geschichte in der Gegenwart zu erleben.

So ist es wohl beabsichtigt, jedoch nur möglich durch die überragende Grundidee: Intelligente Lebewesen (lassen wie mal den strapazierten Begriff „Aliens“) in den tiefsten Meeresgräben unseres eigenen Planeten. Fremdartiger als aus dem fernsten Winkel des Universums, denn die Tiefsee scheint unerforschter zu sein als das Weltall.

Bestimmt war ein irdischer Ozean schon des Öfteren die Wiege von unbekannten Wesen, welche in den Hirnen früherer SF-Autoren ersonnen wurden. Aber diese Umsetzung ist gewiss einzigartig neu.

Dies erinnert an „Das Parfum“: ein seltenes Thema (Der bis dato wenig beachtete Gesichtssinn „Riechen“!) wird für eine faszinierende Geschichte entdeckt. Das macht u. a. den Erfolg aus: Das „neue“ Thema und dessen gelungene Umsetzung.

Ein halbes Dutzend Handlungsfäden, beginnend an verschiedenen Punkten der Erde, ohne Verwirrung beim Leser zu stiften - eine Meisterleistung!

Gekonnt werden sie bis zum spektakulären Finale auf dem Flugzeugträger stetig einander angenähert und mit einander verwoben. Zahlreiche Personen überleben die Geschichte nicht. Diese Erzählweise und der Umgang mit den Personen erinnert mich an „Das Spiel der Throne“ von George R.R. Martin. Ich vermute, Frank Schätzing hat dessen erste Bücher aufmerksam gelesen. :-)

Eine guten Stil zu übernehmen ist aber kein Nachmachen, denn einen guten Roman muss man immer noch selber zuwege bringen, wie zum Beispiel die Charakterisierung der Personen. Nachfolgend zitiere ich meine Lieblingsfigur aus dem Schwarm-Roman (geht „leider“ auch drauf):

Johanson war Visionär und wie alle Visionäre dem völlig Neuen ebenso zugetan wie vergangenen Idealen. Sein Leben war getragen vom Geiste Jules Vernes. Niemand hatte den heißen Atem des Maschinenzeitalters, erzkonservative Ritterlichkeit und die Lust am Unmöglichen so treffend zu vereinen gewusst wie der große Franzose. Einzig die Gegenwart war eine Schnecke, die auf ihrem Buckel Sachzwänge und Profanitäten mit sich schleppte. Sie fand keinen rechten Platz im Kosmos Sigur Johansons. Er diente ihr, erkannte, was sie von ihm verlangte, bereicherte ihren Fundus und verachtete sie für das, was sie daraus machte.

Auf neunhundertachtundsiebzig Seiten entdeckte ich nur einen logischen Fehler, und der war auch noch marginal. Was mit einem bestimmten Orca nun nicht stimmte, verrate ich aber nur auf Anfrage ... ;-): Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Dieses Buch habe ich vor einem Jahr gelesen nach einem kostenlosen Download (gut für mich als Leser, ansonsten ein Graus - ich bin ja auch Schriftsteller und möchte von meiner Kreativität etwas haben, nämlich mein Auskommen).

Ich habe schon einige Rezensionen verfasst nach klassischen Mustern, bisher jedoch nur aus der Sicht eines Konsumenten. Ich unternehme mit diesem Text den ersten Versuch, als "Konkurrent", nämlich Schriftstellerkollege zu rezensieren.

Ich kenne seit langem das indianische Sprichwort "Willst du einen Anderen verstehen, musst Du einige Meilen in seinen Mokassins laufen". Bei der Einschätzung (das Wort "Beurteilung" verwende ich aus naheliegenden Gründen nicht) des Werkes eines Kollegen denke ich zunächst einmal an die Mühe, welche beim Schreiben nötig war. Und hier trennt sich bereits die Spreu vom Weizen! Ich jedenfalls erkenne, ob ein Kollege sich wirklich reingehängt hat. Schon H. P. Lovecraft insistierte Fritz Leiber: "Achte beim Schreiben auf Ehrlichkeit, Überzeugung, Sorgfalt, Vollkommenheit und Wissenschaftlichkeit!" (Diesen Satz zitierte Fritz Reuter Leiber, als er von Paul Walker interviewt wurde.)

Der Roman "Eine Billion Doller" ist ein richtiger Wälzer (das ist eher ein Kriterium für Fleiß statt Qualität), jedoch bis zum Schluss gleichbleibend eingänglich formuliert. Unzählige Details wurden von Andreas Eschbach recherchiert und akribisch eingearbeitet, nach dem Motto: "Der Leser hat ein Recht darauf, das der Autor sich die Mühe gibt, den Wahrheitsgehalt des Hintergundes seiner Geschichte zu überprüfen".

Daher für Andreas Eschbachs Emsigkeit: "Chapeau!"

Auf die Handlung gehe ich nicht ein, denn diese wurde, zum Beispiel bei "Amazon", bereits zigmal zusammengefasst. Ich beschränke mich auf die Eindrücke, welche ich beim Lesen hatte. Zunächst hat mich diese Geschichte fasziniert durch ihre wundervolle Eingangssequenz mit dem unerwarteten Gigaerbe sowie der Bewältgung dieser Schicksalswende durch den Protagonisten. Es war eine klasse Idee von Andreas Eschbach, wie dieses Vermögen hätte zustande kommen können (diese fiktive Geldanhäufung begann vor 500 Jahren, aber nun wissen wir, wie es geht, und könnten ruhig mal reell damit anfangen – auch jene Kölner im Mittelalter, welche das Fundament ihres Doms legten, sahen nicht seine Türme!).

Die Schilderungen, wie der Protagonist mit seinem Erbe umgeht, sind über lange Passagen hinweg richtige "Schenkelklopfer" und ich ertappte mich oft bei dem Gedanken: "Jawoll! So etwas hätte ich auch getan, wenn ich so einen Haufen Kohle hätte – liebend gern!"

Daher für die ersten paar hundert Seiten: "Chapeau!"

Beim Weiterlesen des Romans rückt die Frage in den Mittelpunkt: "Was eigentlich sinnvoll machen mit so viel Geld? Zumal es dafür auch gedacht war!" Naheliegend geht es nun um das "Weltgesamt", einem Gewicht, an welchem sich Andreas Eschbach dann etwas verhoben hat. Die Beschreibung, wie mit dem ultravielen Geld mehr und mehr Einfluss auf das Schicksal der Menschen genommen wird, verliert sich in Details und weniger nachvollziehbaren Handlungen. Kein Wunder, dass erst die "Philippinen-Episode" sowie die "Entführung in Mexico" mich wieder lebhafter am Geschehen teilnehmen ließen.

Daher für Weiterführung der Handlung: "Ein Zeigefingerwischer entlang der Zylinderhutkante à la Pan Tau" (Ach, das könnte man noch etwas besser hinzaubern nach dem Motto: Das Bessere ist der Gegner des Guten!) – Apropos ... Pan Tau trägt eine Melone.

Letzendlich ließ mich der Schluss höchst unzufrieden zurück – so ein Haufen Geld und fast nichts ist damit bewirkt worden? Damit hätte man doch viel mehr anfangen können und ich wäre anders an den Schluss herangegangen! Je länger ich jedoch darüber nachdachte, desto einleuchtender war dieses eher lakonische Ende.

Als gelegentlichem Optimisten bleibt mir das fatalistische Resümee: Selbst mit einer Billion Dollar kannst Du die Welt nicht ändern beziehungsweise retten. (Eine Billion Dollar sind im Verhältnis zum jährlichen Weltbruttosozialprodukt von fünfundsiebzig Billionen Dollar und einem Weltprivatvermögen von mindestens 245 Billionen Dollar immer noch "Peanuts".)

Am Roman-Ende hatte ich also zu knabbern, aber darüber nachgedacht gebe ich ein: "Hut ab!" (für "Chapeau" hat es dann aber doch nicht gereicht.)

Das ganze Werk ist ein lesenswertes Buch für Menschen, welche gerne "über unsereiner" reflektieren und es auch ausführlich beschrieben haben wollen – eine Fleißarbeit des Autoren, aber auch für den Leser. Aber ... ich mag solche Bücher!

William Kimball Kinnison – Kassel, den 2. Mai 2014

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